Fokusthema - Digitale geschlechtsspezifische Gewalt
Jedes Jahr vom 25. November bis 10. Dezember engagieren sich über 300 Organisationen in der Schweiz gegen geschlechtsspezifische Gewalt. Die Kampagne wird von Frieda – der feministischen Friedensorganisation – koordiniert, die seit 18 Jahren in der Deutschschweiz und seit vier Jahren in der gesamten Schweiz aktiv ist. Jedes Jahr wird ein Aspekt von geschlechtsspezifischer Gewalt beleuchtet, der ansonsten ignoriert wird. Im Jahr 2026 konzentriert sich die Kampagne auf digitale geschlechtsspezifische Gewalt.
Auch das ist digitale Gewalt
Ein GPS-Tracker im Auto der Ex-Partnerin
Eine versteckte Kamera in der Toilette einer Bibliothek
Ein ohne Einwilligung mit KI generiertes intimes Bild.
All das ist digitale Gewalt. Digitale Gewalt beschränkt sich nicht auf das Surfen im Internet und soziale Netzwerke. Bei digitaler Gewalt wird Technologie auch als Werkzeug zur Kontrolle, Überwachung oder Einschüchterung im Alltag eingesetzt.
Digitale Gewalt ist echte Gewalt.
Jedes Jahr registriert die Polizei in der Schweiz 2'700 online begangene Sexualdelikte. Frauen sind doppelt so häufig betroffen, Männer zehnmal häufiger Täter.
2025 wurden 57 761 Fälle digitaler Kriminalität erfasst. Wie viele davon richteten sich gegen Frauen oder queere Personen? Niemand weiss es: Die Schweiz zählt sie nicht.
Drohungen, Deepfakes, die Verbreitung von Bildern ohne Einwilligung, Überwachung. Das ist kein Problem von Technologie, sondern geschlechtsspezifische Gewalt mit neuen Werkzeugen.
Was ist digitale geschlechtsspezifische Gewalt?
Hinter dem Ausdruck «digitale geschlechtsspezifische Gewalt» verbergen sich sehr unterschiedliche Realitäten: ein hasserfüllter Kommentar unter einem Post, eine von einem Ex-Partner installierte Spionage-App auf dem Handy, eine versteckte Kamera in der Toilette einer Bibliothek, ein KI-generiertes intimes Bild, das an die Arbeitgeberin einer Kollegin geschickt wird. Diese Situationen haben weder die gleiche Intensität noch die gleichen Täter, noch die selben Folgen für die Betroffenen. Sie haben aber einen gemeinsamen Punkt: Sie instrumentalisieren Digitalität und Technologie, um eine Gewalt auszuüben, die mehrheitlich Frauen und geschlechtliche Minderheiten betrifft — und die sie aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer Nichtkonformität mit Geschlechtsnormen betrifft.
Ein grundlegender Ausgangspunkt für das Folgende: Digitale Gewalt ist keine neue Gewaltform. Es sind zeitgenössische Ausprägungen von Gewaltformen, die den feministischen Bewegungen bestens bekannt sind — Coercive Control (Zwangskontrolle), Belästigung, sexualisierte Gewalt, wirtschaftliche Gewalt, psychische Gewalt. Was das Digitale verändert, ist nicht die Natur der Gewalt: Es ist ihr Ausmass, ihre Dauerhaftigkeit, ihre Reichweite und manchmal ihre Unsichtbarkeit. Eine versteckte Kamera in einer Umkleidekabine ist sexualisierte Gewalt. Ein Ex, der seine Zielperson mit einem AirTag verfolgt, das ist Coercive Control. Ein Arbeitgeber, der das Handy einer Hausangestellten kontrolliert, das ist wirtschaftliche Gewalt.
Eine strukturelle, keine individuelle Gewalt
Es wäre verlockend, digitale Gewalt als Summe problematischer Einzelhandlungen zu lesen: ein paar toxische Männer, ein paar Trolls, ein paar isolierte Fälle. Diese Lesart ist falsch — und politisch demobilisierend.
Digitale Gewalt gedeiht, weil ein System sie ermöglicht, erleichtert und oft rentabel macht: eine Kultur, die alltägliche Misogynie normalisiert; Plattformen, deren Geschäftsmodell auf Engagement basiert (und damit auf der Viralität von Wut und Hass); eine abwesende oder verspätete Regulierung; eine Justiz, die wenig verfolgt und noch weniger sanktioniert; eine begrenzte soziale Anerkennung des Problems. Die Täter sind keine Monter. Sie sind Teil einer patriarchalen Gesellschaft.
Deshalb kann der Kampf gegen digitale Gewalt nicht nur eine Angelegenheit individueller Verhaltensweisen oder persönlicher IT-Sicherheit sein. Es ist eine politische Angelegenheit, die uns Alle Interessieren soll.
Wir fordern:
Dass digitale Gewalt als Gewalt anerkannt wird.
Dass die Schweiz endlich geschlechterdifferenzierte Daten erhebt.
Dass Fachpersonen geschult und Hilfsangebote finanziert werden.
Dass das Gesetz überall gleich schützt.
Dass Plattformen für das geradestehen, was sie verbreiten.
1. Digitale Gewalt als echte Gewalt anerkennen
Gewalt, die über digitale Technologien ausgeübt wird, ist eine eigenständige Form geschlechtsspezifischer Gewalt und verstärkt bestehende Gewaltmuster im öffentlichen Raum und in Beziehungen. Sie ist nicht nur virtuell: Sie hat konkrete Auswirkungen auf das Leben, die Gesundheit und die Sicherheit der Betroffenen.
2. Dokumentieren, um wirksam handeln zu können
Es muss eine systematische Datenerhebung zu digitaler Gewalt aufgebaut werden, aufgeschlüsselt nach Gewaltform, Geschlecht, Alter und Kontext. Ohne verlässliche Zahlen gibt es keine wirksamen Massnahmen.
3. Fachpersonen an Schlüsselstellen weiterbilden
Die kontinuierliche und spezialisierte Weiterbildung sowie die technische Unterstützung von Fachpersonen muss bei der Polizei, der Justiz, den sozialen Diensten und in der Schule gestärkt werden, damit Fachpersonen digitale Gewalt erkennen und Betroffene angemessen begleiten können.
4. Hilfsangeboten die Mittel zum Handeln geben
Opferhilfestellen und Frauenhäuser brauchen eine strukturelle Finanzierung mit spezifischen Kompetenzen im Bereich digitaler Gewalt.
5. Den rechtlichen Rahmen anpassen
Es müssen klare und aktualisierte Gesetze verabschiedet werden, die digitale Instrumente in der Gesetzgebung gegen Gewalt konsequent berücksichtigen, einen sofortigen Schutz der Betroffenen sicherstellen und die Verantwortung der Täter*innen einfordern.
6. Plattformen und Tech-Unternehmen in die Verantwortung nehmen
Soziale Netzwerke, Anbieter digitaler Dienste und Tech-Unternehmen müssen zu verbindlichen Regeln für die Gestaltung und für die Auswirkungen ihrer Produkte verpflichtet werden: transparente und rasche Meldeverfahren, wirksame Entfernung gewaltvoller Inhalte, Schutz der Betroffenen, klare Pflichten, Sanktionen und unabhängige Kontrollmechanismen.
7. Auf nationaler Ebene harmonisieren
Es braucht eine kohärente nationale Strategie, damit alle Betroffenen unabhängig von ihrem Wohnort in der Schweiz dieselben Rechte und denselben Schutz geniessen.
8. Bildung von der Schule an
Es braucht strukturierte Bildungsangebote zu Beziehung, Konsens, verantwortungsvollem Umgang mit digitalen Technologien, Medienkompetenz und Prävention digitaler Gewalt. Den jungen Generationen müssen die Werkzeuge gegeben werden, um übergriffige Verhaltensweisen zu erkennen und respektvolle Beziehungen aufzubauen — online wie offline. Wichtig bleibt dabei auch lebenslanges Lernen. Dieses Wissen ist für alle Menschen relevant.
9. Verantwortungsvolle Medien einfordern
Von den Medien muss eingefordert werden, dass sie über digitale Gewalt sorgfältig berichten, ohne Klischees und ohne Sensationalismus. Der Blick muss dabei auf die Betroffenen sowie die systemischen Aspekte statt auf die Täter*innen gerichtet werden.
Was kannst du tun?
Setz auch du dich ein! Nimm an Veranstaltungen und Aktionen der Kampagne teil. Sprich über Gewalt - sei es in der Familie, mit deinen Freund*innen oder Bekannten, bei der Arbeit oder in den sozialen Medien #16tage.
Starte deine eigene Aktion, als Einzelperson oder mit deiner Organisation. Es gibt viele Möglichkeiten: Unser Material aufhängen oder verteilen, öffentliche Gesprächsrunden organisieren oder dich künstlerisch gegen digitale Gewalt einsetzen. Nur gemeinsam können wir unsichtbare Gewalt sichtbar machen.
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